Programm 2026

Programm der
36. Auricher Wissenschaftstage

Boris Pistorius, Bundesminister der Verteidigung,
übernimmt die Schirmherrschaft

Ticketverkauf ab dem 17.08.2026

01. September 2026

Eröffnungsveranstaltung

Grußwort von Prof. Anton Zeilinger, Nobelpreisträger 2022

Anton Zeilinger in his office in Vienna - June 2023 
Photo by Jacqueline Godany

Zwischen Risiko und Gefahr: Was tut der deutsche Staat für den gesundheitlichen Verbraucherschutz?

Dr. Magnus Jäger
Leiter des Leitungsbüros

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

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Nach oberflächlichen Presseartikeln zu urteilen sind die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher eine hoch gefährdete Spezies: Von Pflanzenschutzmitteln aus Weihnachtsbäumen über Aluminium aus Backblechen bis zu Farbstoffen in Wachskerzen – scheinbar droht uns von allen Seiten und permanent tödliche Gefahr. Dieser Vortrag möchte zur Risikomündigkeit beitragen und helfen, die Perspektive wieder geradezurücken: Wie wird eine Gefahr zu einem Risiko? Wie beurteilen erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gesundheitliche Risiken? Wie beraten sie die Bundesregierung? Und wie kann jede und jeder Einzelne dazu beitragen? Anhand von Beispielen soll für mehr Gelassenheit bei einigen Themen – und für angemessene Besorgnis bei anderen Themen geworben werden. Zu diesem Zweck dienen auch konkrete Tipps und Handlungsempfehlungen.

 

04. September 2026

Der demografische Wandel in Deutschland - Potentiale als notwendige zukünftige wirtschaftliche Stabilisierung

Prof. Katharina Spieß

Direktorin des Bundesinstituts für
Bevölkerungsforschung

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Der demografische Wandel stellt den deutschen Arbeitsmarkt vor große Herausforderungen.

Der Vortrag zeigt jedoch, dass der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials nicht nur Anlass zur Sorge gibt, sondern auch den Blick auf bislang ungenutzte Potenziale lenkt. Im Mittelpunkt stehen Erwerbspotenziale von Frauen, insbesondere Müttern mit jungen Kindern, von Frauen mit Migrationshintergrund, Zugewanderten sowie älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Anhand ausgewählter Szenarien wird diskutiert, in welchem Umfang diese Gruppen zur Stabilisierung des Arbeitskräfteangebots beitragen können.

Der Vortrag plädiert für eine evidenzbasierte und chancenorientierte Perspektive: Demografischer Wandel ist gestaltbar – wenn vorhandene Potenziale durch geeignete familien-, integrations- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen besser genutzt werden.

© Peter-Paul Weiler

10. September 2026

1,5 Millionen Jahre altes Eis der Antarktis, ein Klimaarchiv

Prof. Frank Wilhelms

AWI Bremerhaven
Helmholtz-Zentrum für Polar- und
Meeresforschung

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Die Klimaentwicklung der letzten 800.000 Jahre zeichnet sich durch einen dominierenden Zyklus von Warm- und Eiszeiten mit einer Periode von etwa 100.000 Jahren aus. Doch vor etwa 1,2 Millionen Jahren veränderte sich dieses Muster: Die Klimazyklen, die zuvor etwa alle 40.000 Jahre auftraten, verlängerten sich auf die heutige 100.000-Jahres-Periode.

Dieser Übergang – bekannt als Mittelpleistozäner Übergang (engl. Mid-Pleistocene Transition; MPT) – stellt eine zentrale Frage der Klimaforschung dar: Was verursachte diese fundamentale Veränderung im Klimasystem? Ausgehend von unserer Klimarekonstruktion des atmosphärischen Zustands über die letzten 800.000 Jahre basierend auf dem EPICA Dome C-Eiskern (EDC) suchten wir nach einem Eiskern, der die Klimaentwicklung über einen Zeitraum von 1,2 bis 1,5 Millionen Jahren dokumentiert. Diese Suche wurde durch Beobachtungen in marinen Sedimenten motiviert, die den Übergang von 40.000- auf 100.000-Jahres-Zyklen zwischen 1,2 und 0,9 Millionen Jahren vor heute belegen. Eine zentrale Frage ist dabei, ob sich die atmosphärische Kohlenstoffdioxidkonzentration während dieser kritischen Periode verändert hat – und ob dies mit der Verlängerung der Eiszeiten korreliert.

In diesem Vortrag stelle ich die Suche nach einer geeigneten Bohrstelle und die Durchführung der neuen Beyond EPICA Bohrung bei Little Dome C (BELDC) vor. Im Januar 2025 erreichten wir den Felsuntergrund – ein entscheidender Meilenstein im Projekt. Seit Sommer 2025 analysieren wir die ersten Eiskernproben. Ich berichte über erste Ergebnisse aus dem BELDC Eiskern, soweit sie bereits erhoben und freigegeben sind, und diskutiere ihre Bedeutung für unser Verständnis der Klimaentwicklung im Pleistozän und der Ursachen des Mittelpleistozänen Übergangs (engl. Mid-Pleistocene Transition; MPT)

09. September 2026

Wie lernen wir?

Prof. Martin Korte

Technische Universität Braunschweig

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Der Vortrag geht aus Sicht eines Hirnforscher praxisnah der Frage nach, wie Menschen gut und gerne lernen und welchen Einfluss Bewegung, Ernährung, Medien und Stress auf die Leistungsfähigkeit junger Gehirne haben. Lernen muss jeder und wir lernen den ganzen Tag, oft ohne es zu merken. Nur erinnern Jugendliche ebenso wie Erwachsene nicht immer das, was wir uns merken wollten oder merken sollten. Jede Information, die wir speichern, wird in unserem Gehirn abgelegt und hierbei spielen Gehirnstrukturen eine Rolle, die neben Fakten auch Gefühle und Motivation steuern. Der Vortrag geht der Frage nach, was die Hirnforschung dazu sagen kann, unter welchen Bedingungen wir besonders effektiv lernen können, aber auch warum sich das Gehirn bei Erinnerungen manchmal täuscht. Weiter wird der Frage nachgegangen, warum wir uns manchmal nicht an etwas erinnern können und welche Möglichkeiten wir haben dieses zu verhindern. Der Vortrag richtet sich aber auch und vor allem, an die, die Wissen vermitteln. Wie kann man Wissen effizient vermitteln? Was sind hier die Limitierungen, die die Natur dem Gehirn setzt, welche Rolle spielen Gefühle und vor allem, welche Rolle spielen Motivation und Konzentration. Es wird auch erklärt, welche wichtige Rolle Bewegung und Musik für die Gehirnentwicklung und für den Erhalt des alternden Gehirns hat.

11. September 2026

Thomas Mann als Pädagoge

Dr. Edo Reents

Redakteur der FAZ

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Th.M. hat, als metaphysisch unterlegter Geschichtsskeptiker und Fatalist, dennoch erzieherisch gewirkt oder dies zumindest versucht – vor allem im „Zauberberg“, ansatzweise, hier und da überhaupt in seinem Spätwerk und vor allem in seinen Reden an „Deutsche Hörer!“ Das bedeutet, er hegte im stillen die Hoffnung, daß eine Besserung des Menschen und des Daseins möglich wäre oder tat zumindest so, als hege er sie, glaubte aber letztlich wohl nicht daran. Der Vortrag versucht, diese Spannung, diesen Widerspruch zu verdeutlichen und deren geistes- und mentalitätsgeschichtliche Ursachen zu klären.

14. September 2026

Geschlechtersensible Medizin – Was ist das?

Prof´n Ute Seeland

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

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Geschlechtersensible Medizin (GSM) untersucht die Interaktion von soziokulturellen (engl. gender) und biologischen (engl. sex) Geschlechterunterschieden bei der Entstehung von Krankheit und der Erhaltung von Gesundheit. Von geschlechterspezifischer Medizin sprechen wir, wenn überwiegend die biologischen Geschlechterunterschiede gemeint sind. Die ersten Impulse kamen um das Jahr 2000 aus den USA. Hervorgegangen aus den Frauengesundheitsbewegungen und durch Professorin Marianne Legato, New York University School of Medicine, die den Begriff „Gender-Specific
Medicine“ prägte.

Die GSM ist eine Wissenschaft, die sich allen Teilgebieten der Medizin widmet. Durch den geschlechtersensiblen systembiologischen Ansatz ist es möglich, Organsysteme zu erforschen und Phasen von Hormonveränderungen in den Blick zu nehmen. Dieser Ansatz ist eine Garantie für eine geschlechtergerechtere Prävention, Diagnostik und Therapie mit
erhöhter Sicherheit für alle Menschen.

Männer und Frauen unterscheiden sich biologisch durch eine unterschiedliche Chromosomenausstattung aller Körperzellen – XX für weibliches und XY für männliches Geschlecht –, verschiedene Geschlechtshormone und die sich daraus entwickelnden Unterschiede in der Anatomie und den Organfunktionen. Zusätzlich erforscht die GSM weitere Diversitätsfaktoren wie das Alter und die soziokulturellen, oft erlernten oder erworbenen Einflussfaktoren auf Gesundheit und Entstehung von Krankheit.

16. September 2026

Zeckenübertragene Viren in Deutschland

Prof. Gerhard Dobler

Universität Hohenheim
Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr

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Zecken sind die ältesten bekannten Überträger von Krankheitserregern. Nach Bernsteinfunden reichen sie mindestens 110 Millionen Jahre zurück. Sie besitzen das breiteste bekannte Spektrum von übertragenen Erregern. Nach den Mücken sind sie global die zweitwichtigste Gruppe von Vektoren humanpathogener Erreger und in der Veterinärmedizin spielen sie global die wichtigste Rolle.

Von den mehr als 900 bekannten Zeckenarten weisen nur etwa 10% eine Bedeutung als Überträger auf. In Deutschland sind aktuell 20 Zeckenarten beschrieben. Von diesen spielen allerdings nur drei autochthone vorkommende Arten eine Rolle, Ixodes ricinus (Holzbock), Dermacentor reticulatus (Auwaldzecke) und Dermacentor marginatus (Waldzecke). In den letzten Jahren werden jedoch zunehmend auch Zecken aus den Subtropen und Tropen in Deutschland nachgewiesen, u.a. die Braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus) und Tropenzecken der Gattung Hyalomma (Hyalomma marginatus, Hyalomma rufipes). Neben ihrer Bedeutung als Lästlinge und Blutsauger spielen Zecken v.a. als Überträger von Krankheitserregern eine große Rolle. In Deutschland ist dies v.a. die Virusinfektion „FSME“ (Frühsommer-Meningoenzephalitis) und die bakterielle Borreliose. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Viren, Bakterien (u.a. Fleckfieber- Erreger) und Parasiten, die jedoch nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen.

Die FSME zeigt ein ungewöhnliches Auftreten. Im Norden ist sie selten, im Süden dagegen sehr häufig. Das FSME-Virus zirkuliert in der Natur zwischen Zecken und Kleinsäugern in sogenannten Naturherden, kleinen Wald-Wiesenarealen. Bisher wird die Übertragung in diesen Naturherden nicht verstanden. Epidemiologische Daten zeigen, dass das Risiko einer FSME Infektion in Bayern und Österreich in den letzten Jahren um das Fünf- bis Zehnfache zugenommen hat, trotz einer verfügbaren wirksamen Impfung. Als Gründe hierfür werden u.a. Änderungen in der Zeckenaktivität und Veränderungen im Flugverhalten von Zugvögeln genannt. Durch diese Zu-Verhaltensänderung transportieren Zugvögel zunehmend FSME-Viren aus Nordeuropa nach Mitteleuropa. Dadurch werden neue ökologische Nischen besetzt und die FSME-Infektion tritt beim Menschen in bisher nicht als Risikogebiet klassifizierten Arealen auf.

Durch die potentielle Einschleppung tropischer Infektionen, u.a. des Krim-Kongo Hämorrhagisches Fiebers durch Tropenzecken steigt das Infektionsrisiko für diese schweren und teilweise tödlich verlaufenden Erkrankungen auch in Mitteleuropa.

©Julia Langer, Sanitätsakademie der Bundeswehr München

18. September 2026

Zeitmessung mit Atomuhren

Dr. Nils Huntemann

Physikalisch-Technische Bundesanstalt

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Der Vortrag beschreibt zunächst, was wir unter Zeit verstehen, wie die Einheit der Zeit – die Sekunde – mithilfe von Atomuhren erzeugt wird und wie daraus die in Deutschland gültige gesetzliche Zeit entsteht. Neben ihrer Rolle bei der Erzeugung der Sekunde wird die außergewöhnliche Genauigkeit von Atomuhren auch für zahlreiche Anwendungen im Alltag genutzt. Sie bildet die Grundlage für sichere digitale Kommunikation und ermöglicht die globale Satellitennavigation.
Darüber hinaus werden die physikalischen Grundlagen moderner Zeitmessung erläutert und gezeigt, wie es heute mit optischen Uhren gelingt, die Zeit noch genauer zu messen. Wäre unsere modernste optische Uhr seit dem Urknall vor etwa 14 Milliarden Jahren gestartet worden, würde sie heute weniger als eine Sekunde falsch gehen. Als die präzisesten Messinstrumente der Welt eröffnen optische Uhren zugleich neue Möglichkeiten für die Grundlagenforschung. So verwenden wir sie beispielsweise für die Suche nach Dunkler Materie oder für Tests fundamentaler Prinzipien der Physik.

28. September 2026

Un/Sicherheit. Alltagsperspektiven aus dem globalen Süden

Prof. Thomas Kirsch

Universität Konstanz

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Gewalt und Kriminalität – sei es als konkrete Erfahrung oder als bloß antizipierte Möglichkeit – erzeugen im Alltag vieler Menschen weltweit Gefühle der Verunsicherung, was häufig in ein erhöhtes Engagement für Maßnahmen der persönlichen Sicherheitsvorsorge mündet. Doch was ist “Sicherheit”? Welches Maß an persönlicher Gefährdung kann als “normal” oder zumindest erwartbar gelten? Woher lässt sich im Alltag wissen, ob ein Zustand der “Sicherheit” tatsächlich erreicht wurde? Und schließlich: kann es ein Zuviel davon geben?

Aus ethnologischer Perspektive und gestützt auf forschungsbasierte Beispiele aus dem gegenwärtigen Südafrika untersucht der Vortrag einige der teils unauflösbaren Dilemmata und Paradoxien, die sich für Menschen ergeben, die für sich und ihr unmittelbares Umfeld “mehr Sicherheit” herstellen wollen. Dabei wird deutlich, dass Un/Sicherheit nicht nur ein Zustand, sondern auch ein soziales und kulturelles Projekt ist – eines, das in der Regel von Unwägbarkeiten, Ambivalenzen, widersprüchlichen Erwartungen und Konflikten begleitet wird.