Inwiefern gibt es für Sie Unterschiede zwischen der alten Regierung und der noch jungen Rot/Grün-Regierung?

Auf meine Arbeit bezogen habe ich keine großen Unterschiede festgestellt, die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich kaum verändert. Es gibt ein paar neue Punkte, denken Sie an das Programm, das der Bund aufgelegt hat um 100.000 junge Menschen in Ausbildung und Beschäftigung zu bringen. Sonst ist die gesetzliche Grundlage im großen und ganzen die gleiche. Es wird abzuwarten sein, wie sich der Arbeitsmarkt entwickeln wird.

Was ist Ihre Funktion als Präsident der Bundesanstalt und was könnten Sie besser machen?

Ich bin in einer Zeit in diesem Amt tätig, die sich sehr von der Zeit meiner Vorgänger unterscheidet. Das waren noch wirkliche Präsidenten, ich bin heute eher Vorturner. Denn wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der Aufgaben nicht mehr in Hierarchien erledigt werden. Heute sind wir erfolgreicher, wenn wir in Teams unsere Stärken bündeln. Führungskräfte müssen heute motivieren. Die Zeit von Anordnung und Gehorsam ist vorbei. Arbeitslosigkeit ist ja kein statistisches Problem, sondern die Arbeitslosigkeit ist ein Indiviualschmerz. Wenn man nicht arbeiten kann, weil man keinen Platz hat, dann tut das verdammt weh. Wir sind für die Bürger da und nicht die Bürger für uns.

Wir wollen jetzt zu den regionalen Aspekten übergehen, also zu den einzelnen Arbeitsämtern. Wie werden die Rahmenrichtlinien für die Arbeitsämter entwickelt, und inwieweit sind diese bei der Umsetzung unabhängig?

Wir haben den Weg der Dezentralisierung beschritten. Früher waren wir sehr zentral ausgerichtet. Da wurde in Nürnberg gesagt, welche Musik gespielt wird und wieviel Strophen. Jetzt geben wir das Notenmaterial runter und sagen, es kann variiert und ergänzt werden. Vor Ort soll entschieden werden, was notwendig ist. Wenn Sie mal in Aurich gefragt hätten, wieviel Geld mein Kollege zur Verfügung hat, würden Sie glänzende Augen bekommen. Im Dezember wird das Geld für die Ermessensleistungen der Arbeitsförderung auf die Arbeitsämter verteilt. Die müssen sich dann mit den Arbeitgebern, Arbeitnehmern und den Vertretern der öffentlichen Hand überlegen, wie das Geld am besten eingesetzt wird, um Arbeitslosigkeit abzubauen und mehr Beschäftigung zu erreichen, weil die Veränderungen am Markt vor Ort viel besser beobachtet und berücksichtigt werden können als in der Zentrale. Hinterher muß allerdings eine Bilanz vorgelegt werden. Diese Bilanz wird verglichen mit der anderer Ämter. Trotzdem bleiben wir eine Bundesanstalt für Arbeit, wo zwar die Regionalität wichtig ist, aber der Gesamtkörper Bundesanstalt als ein großer Vorteil erkannt wird. Wenn wir uns vergleichen mit anderen Arbeitsverwaltungen in Europa und in der Welt, brauchen wir uns nicht zu verstecken, denn wir leisten insgesamt gute Arbeit.

Also sind die Arbeitsämter in der aktiven Arbeitsmarktpolitik fast unabhängig?

Es gibt da den Begriff „Eingliederungstitel“. Diesen Eingliederungstitel, 1999 z. B. insgesamt 27,4 Milliarden DM, können die Arbeitsämter beispielsweise für eine branchenspezifische Qualifizierung bei einer Firmenneuansiedlung oder für die Integration älterer Arbeitnehmer verwenden. Wir haben einen großen Instrumentenkasten, den wir einsetzen können. Es können sogar 10 Prozent des Eingliederungstitels in der aktiven Arbeitsmarktpolitik kreativ genutzt werden: Zum Beispiel gibt es viele junge Leute, die nicht einmal den Hauptschulabschluß haben. Deswegen hat man in einem Fall 20 junge Leute zusammengeholt und ihnen 1.000 DM versprochen, wenn sie ihren Hauptschulabschluß nachmachen. Jedem wurde klargemacht, ohne Hauptschulabschluß ist man in der Zukunft verloren. Und 70 Prozent dieser Schüler haben dieses Ziel auch erreicht und damit eine bessere Chance für die Ausbildung erhalten.

Wie beurteilen Sie die Effektivität der Arbeitsämter?

Wie überall gibt es auch bei uns Unterschiede. Wir sind jetzt von der Stiftung Warentest getestet worden, und da ist herausgekommen, daß wir mit unserem Modell des Arbeitsamtes 2000 den richtigen Wegen gehen.

Zeigen die Arbeitslosen viel Eigeninitiative?

Ja, ich glaube, daß die öffentliche Meinung hier daneben liegt, die gibt die Wirklichkeit nicht wieder. In dem Stelleninformationssystem (SIS) bieten wir jeweils 300.000 aktuelle freie Stellen an. Über sieben Millionen Menschen kommen in das Arbeitsamt und nutzen dieses System. Darüber hinaus können die Stellen über das Internet abgerufen werden. Da kommen wir Monat für Monat auf noch größere Zugriffszahlen. Natürlich gibt es bei 4,4 Millionen Arbeitslosen auch welche, die nicht wollen, aber die gibt es auch in Betrieben und in Schulen. Es gibt auch den einen oder anderen mit einem Spürsinn für Nischen, in denen es sich einigermaßen leben läßt. Allerdings daraus zu schließen, die Arbeitslosen wollen alle nicht, ist falsch.

Ostfriesland ist ja eher ein strukturschwaches Gebiet, und wir bekommen öfter von den Lehrern zu hören, wenn wir einen Arbeitsplatz unserem „Bildungsstand" entsprechend bekommen wollen, müßten wir Ostfriesland verlassen. Welche Möglichkeiten sehen Sie für uns, einen Job in einer höheren Position zu bekommen?

Auch in Ostfriesland gibt es gute Arbeitsplätze. Allerdings ist die Arbeitslosigkeit höher als anderswo. Das liegt unter anderem an der unausgewogenen Wirtschaftsstruktur. Die Struktur in Stuttgart ist anders als beispielsweise in Emden oder Jever. Unabhängig von der engeren Heimat müssen die Menschen in der Zukunft bereit sein, lebenslang zu lernen. Das ist kein Fluch, sondern eine Chance. Zweitens müssen sie mobil sein. Ich bin in Oberschlesien geboren, dann habe ich ein Jahr in Bayern gewohnt, in Hessen bin ich dann groß geworden, dann lebte ich in Wiesbaden, dann in Bonn, und jetzt bin ich in Nürnberg, und es gefällt mir. Wir haben so gute Verkehrsverbindungen. Man kann jede Woche einmal nach Hause fahren, wenn man will. Nicht jeder wird vor seiner Haustür den hochbezahlten Arbeitsplatz finden, sondern wir werden noch mehr erleben als bisher, daß Menschen zum Arbeitsplatz pendeln werden. Im nächsten Jahrhundert wird es nicht genau so sein, wie es in diesem war. Wir werden eine mobile Gesellschaft. Die jungen Menschen müssen aber vor der Zukunft keine Angst haben. Wer seine Talente einsetzt, wird auch vorankommen.

Glauben Sie, daß die Leute in den neuen Ländern von vielleicht qualifizierten Westdeutschen auf dem Arbeitsmarkt verdrängt werden?

Das glaube ich nicht. Wir stellen fest, daß die berufliche Qualifikation in den neuen Ländern sehr gut ist. Hier haben wir keineswegs Nachteile festgestellt, sogar manchmal Vorteile. Deswegen sehe ich die Verdrängung überhaupt nicht, es ist eher umgekehrt. Wir hätten ungefähr 400.000 mehr Arbeitslose in den neuen Ländern, wenn die Menschen nicht in die alten Länder arbeiten gingen. Seit der Wiedervereinigung sind fast eine Million Menschen in den Westen gekommen. Den umgekehrten Weg sind weit weniger als die Hälfte gegangen.

Inwieweit sehen Sie die Globalisierung als Chance bzw. als Gefahr?

Sie enthält beides, Chancen und Risiken. Man muß Chancen und Risiken richtig analysieren. Chancen muß man nutzen, Risiken muß man minimieren. In der globalisierten Welt ist alles viel enger, überschaubarer, transparenter geworden. Wir dürfen uns nicht zurückziehen und sagen, alle Leute lieben uns in der Welt, und die werden vor allem daran denken, daß es uns gut geht. Das wird nicht der Fall sein. Wir stehen in einem verschärften Wettbewerb, den wir aber gewinnen können, weil wir gutes Humankapital haben, weil wir einen exzellenten Standort haben. Ich teile die Auffassung der Arbeitgeber nicht, daß unser Standort schlecht ist. Wir befinden uns im Zeitalter der Informationstechnologie. Das allerbeste Kommunikationsnetz der Welt liegt in den neuen Ländern und das zweitbeste in den alten. Trotzdem sagen wir, der Standort ist schlecht. Wir haben niedrige Zinsen, niedrige Inflation, wir haben hochqualifizierte Arbeitnehmer, wir haben tolle Infrastrukturen. Ich habe gestern in der Pressekonferenz gesagt, daß ich die Liebe zum Standort fordere. Ich will ein Beispiel nennen. Wenn Sie lesen, daß die Firma BMW Rover für 2 Milliarden DM gekauft hat, dann hat der Vorstandsvorsitzende nicht im Lotto gewonnen, sondern am Standort Deutschland sind wir so produktiv gewesen, daß BMW 2 Milliarden verdient hat, mit denen es ein ganzes Werk in England kaufen kann. Da kann der Standort nicht so schlecht sein. Deshalb glaube ich, daß wir uns mehr auf die Stärken besinnen müssen. Wir müssen auch aggressiver um Märkte kämpfen, das ist gar keine Frage, die kommen nicht von selbst. Also bei offenem Fenster zu schlafen und sich auf den Ruf „Made in Germany" zu verlassen, ist falsch. Wir müssen hinaus in die Welt. Traut euch etwas zu als junge Menschen. Ihr steht in einem großen Wettbewerb. Ihr könnt ihn gewinnen. Die Herausforderungen sind zu meistern. Wenn sie das Humankapital in Amerika und Deutschland vergleichen, da sind wir besser. Wir gucken immer über den Teich und glauben, die machen das alles besser. Das ist nicht so. Wir müssen endlich aufhören, den Menschen Angst vor der Zukunft zu machen. Wir leben nicht im Paradies, aber in vielen Bereichen können wir uns als Deutsche mit anderen Ländern sehr gut vergleichen, obwohl wir so klein sind, daß man uns mit dem Daumen auf dem Globus verdecken kann. Die deutsche Volksseele hat einen Hang zum Masochismus.

Ist das Klima in Deutschland innovationshemmend?

Ja!

Und woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Weil unsere Umwelt so komplex ist. Wenn die Menschen das Innovationshemmende an ihren Einstellungen erkennen würden, wären sie auch eher bereit, Innovationen zu bejahen. Beispielsweise hat das Handelsblatt zur Einstellung zum Euro monatliche Umfragen gemacht. Zum ersten Mal gab es im Dezember 1998 mehr Befürworter als Gegner. Wenn die Männer in Deutschland ihre Frauen so lieben würden wie die DM, dann gäbe es nur glückliche Ehen. Wie sieht das eigentlich aus mit den Währungen? Was müssen sie beachten? Es kommt doch nicht auf die Farbe des Geldes oder auf den Namen des Scheines an. Währung ist Vertrauenssache. Als am 20. Juni 1948 bei der Währungsreform Kopfgeld ausgezahlt wurde, bekam jeder 40 DM. Damals konnte kein Mensch voraussagen, daß die DM einmal zur 2. Reservewährung der Welt werden würde – 20 Prozent allen Geldes der Welt ist in DM angelegt. Die Einstellung zum Euro wird sich mit seinem Erfolg wandeln.

Für die Zukunft gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, sich Arbeit vorzustellen. Zum Beispiel: Jeder hat mehrere Jobs, Anteil der Telearbeit nimmt zu … Wie sehen Sie die Zukunft?

Wir stehen vor gravierenden Veränderungen der Arbeitswelt. Die Biographie wird seltener so sein wie im 20. Jahrhundert. Ich kann mir vorstellen, daß einige zur Hälfte selbständig und zur anderen Hälfte irgendwo abhängig arbeiten. Weiterhin kann ich mir vorstellen, daß einer zwei oder auch drei Arbeitgeber hat. Es wird auch nicht mehr den Achtstundentag im eigentlichen Sinne geben. Sie werden sehen, im nächsten Jahrhundert gibt es den 3-Schicht-Betrieb, ohne daß einer nachts arbeitet. Derartiges haben wir heute schon. Zum Beispiel wird in Indien angefangen, die Software zu programmieren, nach Arbeitsschluß wird sie nach Europa weitergespielt und dann nach Amerika weitergeleitet. So arbeiten drei Schichten. Wir werden andere Formen der Erwerbsarbeit haben, nämlich mehr Teilzeitarbeit. In den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir eine 48-Stunden-Woche. Heute haben wir die 37,5-Stunden-Woche. In der Bundesanstalt für Arbeit schreiben wir beispielsweise alle freien Stellen in mobiler Arbeitszeitgestaltung aus. Wir haben in der Bundesanstalt zur Zeit knapp 75.000 Planstellen, aber 88.000 Beschäftigte. Wenn jemand kommt und sagt, ich will stundenreduziert arbeiten, dann kann er die Arbeit nach eigenen Bedürfnissen und zeitlichen Voraussetzungen gestalten. Die Zeitsouveränität wird künftig eine wichtige Rolle spielen. Wir werden in der Zukunft eine Arbeitszeitgestaltung bekommen, die nicht mehr der heutigen vergleichbar ist.

Werden wir weiter mit einer Sockelarbeitslosigkeit leben müssen?

Wir haben eine ganze Menge Möglichkeiten, um mehr Menschen zu beschäftigen. In unserem Institut haben wir nachgerechnet, daß ein Abbau der Arbeitslosigkeit sehr wohl möglich ist. Man muß nur ein paar Stellschrauben verändern. Wer sagt denn, daß wir 1,8 Milliarden bezahlte Überstunden brauchen? Warum wandeln wir sie nicht um? Warum machen wir so wenig Mobilzeit? In den Niederlanden haben 38 Prozent der Erwerbstätigen nicht die volle Arbeitszeit. Bei uns nur 16,5 Prozent. Würden wir das genauso organisieren, hätten wir zwei Millionen weniger Erwerbslose. Und deswegen sage ich: Wir können auch in der Zukunft, bei aller Rationalisierung, bei aller Technisierung, wenn wir das richtig organisieren, einen hohen Beschäftigungsstand haben.

Das Programm „100.000 Jobs für Junge" ist ja jetzt erfolgreich gestartet worden. Sehen Sie in dem Erfolg nur ein Strohfeuer oder eine langfristige Wirkung?

Die Wertschöpfung wird auch in Zukunft durch das Humankapital erfolgen. Ende Dezember 1998 hatten wir 103.000 arbeitslose junge Menschen, die noch nicht 20 Jahre alt waren. Davon hatten 78,8 Prozent keine berufliche Qualifikation. Die Bundesanstalt für Arbeit fängt nicht erst jetzt das Arbeiten an. Das Programm ist eine zusätzliche Maßnahme. Wir haben in jedem Jahr rund 300.000 junge Menschen, die wir aus der Arbeitslosigkeit herausnehmen. In jedem Jahr! Durch außerbetriebliche Ausbildung, durch Rehabilitation, durch berufsvorbereitende Maßnahmen, durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mit Qualifizierungsanteil usw. Dieses Programm ist kein Strohfeuer. Bisher haben wir 300.000 jungen Menschen helfen können, in diesem Jahr sollen es dank des Programmes 400.000 werden! Wir hoffen, daß wir da ein ganzes Stück Lebensglück für Menschen organisieren können.

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